Ein Wort (nicht nur) zur Fastenzeit 2021

Von Anto Prgomet

Ein Wort (nicht nur) zur Fastenzeit.

In seinem Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth reflektiert der Apostel Paulus das Leben und das Miteinander in der Gemeinde. Unter den Handlungsmaximen fallen besonders zwei auf, die uns gerade in der gegenwärtigen Situation hilfreich sein können:

Nicht alles, was erlaubt ist, nützt auch bzw. nicht alles was erlaubt ist, baut auf (vgl. 1 Kor 10, 23) und Gebt niemandem Anlass zum Vorwurf (vgl. 1 Kor 10,32; Schriftlesung vom Sonntag vor dem Aschermittwoch).

Wer möchte Aktualität und Gültigkeit dieser Paulusworte in der gegenwärtigen Situation in Frage stellen.

Gebt niemandem Anlass zur Kritik! Wer denkt da nicht an die Medienberichte und Nachrichten, die uns derzeit aus dem Erzbistum Köln, im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals erreichen. Bei aller kritischen Loyalität zur Kirchenleitung ist die Bewertung unmissverständlich: Unerträglich! Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust! Großer Schaden für die Kirche! Das sind nur einige, leider zutreffende Stichworte. Vor allem aber die Betroffenen! Das lässt mich aber auch an die gute Arbeit an der Basis, in einzelnen Kirchengemeinden und anderen kirchlichen Einrichtungen denken, die von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen getan wird – solche und vergleichbare Missstände und Verhaltensweisen lassen sie zu Sisyphusarbeit werden.

Nicht alles, was erlaubt ist, baut auf!

Aktuell macht im Zusammenhang mit der Impfung und dem Problem der Knappheit der Impfstoffe der Begriff „Impfdrängler“ die Runde. In Privatgesprächen, Zeitungskommentaren und Leserbriefen wird derartiges Verhalten missbilligend deutlich genug beim Namen genannt. Es haben nun der Augsburger Bischof und sein Generalvikar dafür gesorgt, dass auch Geistliche dazu gezählt werden, wie beispielsweise im Beitrag auf der Titelseite der Südwest Presse v. 13.02.2021. (Das wiederum lässt das Ergebnis einer aktuellen Umfrage, nach der alle anderen deutschen Bischöfe, verständlich, auf die Impfung warten, bis sie an die Reihe kommen, fast untergehen.)

Gebt niemandem Anlass zu einem Vorwurf, gebt niemandem Anlass zur Kritik.

Es würde die Absicht dieses Beitrags gänzlich verkennen, in ihm einen moralischen Zeigefinger zu sehen. Hier geht es um die (Einladung zur) Besinnung auf das Wertesystem, welches das gute Miteinander in der Gesellschaft sichert. Auf dieses Wertesystem hinzuweisen ist berechtigt und notwendig, selbst dort, wo man selbst weiß, demselben Wertesystem nur unzureichend gerecht zu werden. (Der Rat des Arztes an den Patienten, mit dem Rauchen aufzuhören, verliert selbst dann nichts von seiner Gültigkeit, wenn der ratgebende Arzt selbst Raucher ist.).

 Und trotzdem gilt es, sich selbst zu fragen: Wie würden wir uns diesbezüglich verhalten, wenn wir die Möglichkeit hätten, uns nach der „Ich-zuerst-Haltung“ zu verhalten. Darauf kann am besten jeder von uns selbstkritisch und selbstehrlich antworten. Wenn ich dabei beispielsweise an das Einkaufsverhalten zu Beginn der Pandemie zurückdenke, lässt mich das nicht optimistisch sein.

Die derzeitige Coronapandemie lässt uns, wie andere Krisen auch, erfahren, dass Krisenzeiten Gegensätzliches (mit)bewirken können: Sie können uns in der Gewissheit, Schicksalsgemeinschaft zu sein und damit im solidarischen Miteinander stärken, sie können aber auch das Gegenteilige noch stärker hervortreten lassen. Meistens sind beide Tendenzen gleichzeitig vorhanden, und diese erleben wir nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern auch im eigenen Verhalten. Die Frage ist letztlich, welche Seite im gesellschaftlichen Miteinander vorherrschend sein wird. Gerade bei Mangelerfahrung, in der die Solidarität am stärksten gefragt ist, ist die Neigung zum nichtsolidarischen Verhalten am größten. Das gesellschaftliche Miteinander wird uns, fürchte ich, in nächster Zeit noch mehr beschäftigen, zumal manche seiner Facetten sich nicht rechtlich-gesetzlich regeln lassen.

Manch eine Persönlichkeit hat dieser Tage angemerkt, dass wir aus dieser Pandemie-Krise gestärkt, stärker herauskommen werden. Das ist einer der konkreten Namen für derzeitige Hoffnungen. Es geht aber auch darum, selbst dazu beizutragen, dass dieses optimistische Wort Wirklichkeit werden kann.

Blaubeuren, Aschermittwoch 2021

Dr. Anto Prgomet, Leitender Pfarrer SE Blautal